Go Wild

go wild...
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Ungleichbehandlung gilt als pfui. Aber jetzt mal Hand aufs Herz: wenn ich einen Begriff google, erhalte ich andere Resultate als Sie; personalisierte Medizin ist der Klondyke der Pharmaindustrie; Werbung, Trainingsmethoden, Ernährung, alles wird massgeschneidert und personalisiert – und Sie wollen Standards und das Gleiche für alle? Ernsthaft?

 

Dabei haben Sonderbehandlung und Ausnahmen von der Regel ihren ganz eigenen Charme. Wussten Sie, dass die Fugen von Bach ihre unsterbliche Schönheit nur dadurch erlangen konnten, dass Bach an bestimmten Stellen die – eigentlich sehr rigiden – Regeln der Fuge gebrochen hat? Nur ein klein wenig, aber das macht den Unterschied zwischen einer kläglichen computergenerierten Fuge und einer des Meisters. Seien wir dankbar für das Quäntchen krimineller Energie von Johann Sebastian.

 

Was ist mit Spitzensport, der so gern als Metapher und Coachingvehikel für Manager benutzt wird? Krasse Ungleichbehandlung, um Spitzenleistungen zu produzieren. Wer darf an die WM und wer bleibt zu Hause? Wer kriegt einen eigenen Trainer? „Durch Leistung verdient!“ Mag man dem entgegenschmettern. Manchmal schon. Manchmal auch nur durch ein Leistungsversprechen, und wenn die Dynamik mal im Gang ist, wird dem gegeben, der hat. Alle gehen in Melbourne in Quarantäne, aber die Stars dürfen unterdessen abseits zwei Wochen trainieren. Voll akzeptierte Ungleichbehandlung.

 

Wie gut kann eine Regel schon sein? Ziemlich gut, sagen die Regel-Puristen und argumentieren: „Dann haben wir halt ein Prozent Unsinn, dafür ist die Regel glasklar, und wir haben unsere Ruhe.“ (Was übrigens ein Trugschluss ist, was jeder weiss, der mal erlebt hat, welchen Lärm das eine Prozent machen kann...). Wie wärs mit: „Dann haben wir halt ein Prozent Ausnahmen, dafür keinen Unsinn“? Wenn ich Sie frage, was grundsätzlich wichtiger ist, Regeln oder Sinn, dann kann es doch nur eine Antwort geben – und wenn man vor lauter VUKA schon mal auf eine Frage stösst, bei der die Antwort klar ist, sollte man doch zugreifen, oder?

 

In Analogie zum agilen Motto „maximiere den Wert, nicht die Arbeitsmenge“ könnte man sagen „maximiere den Sinn, nicht die Regeltreue.“

 

Ich finde, die meisten Regeln verdienen einen Zusatzartikel, der lautet: „...und wenn es Sinn macht, brechen wir diese Regel.“ Versicherungen, die einem Kunden eine Entschädigung zahlen, auf die er formal kein Anrecht hat, und zwar, weil es in diesem ungewöhnlichen Fall einfach richtig ist? Eine Option, die üblicherweise iedergeknüppelt wird mit dem ewigen Argument „und wenn dann alle kommen und Ausnahmen wollen? Dann haben wir doch das reinste Chaos!“ Was macht Sie da so sicher?

 

Klar, Standards und Regeln können eine gute Versicherung sein gegen Benachteiligung oder für die Sicherung von Mindestniveaus, und in dieser Beziehung haben sie wichtige Funktionen, bestreitet ja keiner. Sie können aber auch ein Versteck sein, das es einem erspart, Stellung zu beziehen oder das Vernünftige zu tun. Willkür wollen wir schon nicht, aber ein bisschen nachdenken wird ja wohl erlaubt sein?

 

Logisch gilt es abzuwägen. Bei sowas wie „die Würde des Menschen ist unantastbar“ würde ich schon nahelegen, keine Ausnahmeklausel hinzuzufügen, aber bei Regeln wie „die Sollarbeitszeit ist unantastbar“ vielleicht schon, Sie wissen, was ich meine. Dabei weise zu unterscheiden, ob wir uns eher in der ersten oder in der zweiten Kategorie befinden, ist dabei die anspruchsvolle Aufgabe. Aber verstecken gilt nicht, nur weils anspruchsvoll ist.

 

Vereinfachen Sie, wo Vereinfachung Sinn macht. Verkomplizieren Sie, wo Komplikation Sinn macht. Folgen Sie den Regeln, wenn sie Sinn machen. Brechen Sie die Regeln, wenn es Sinn macht. Go wild – entdecken Sie den wahren Nordpol für Ihren Kompass.

 

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